Anlage 1 · Aus dem Archiv
Diese Adresse hat Geschichte. Unter rickrocket.de/dfd/ dokumentierte Marius Fietzek seinerzeit seine Zeit bei Double Fine — das zweimonatige Praktikum in San Francisco, das er sich 2012 mit „The Applicant" erspielt hatte, einem kompletten Point-and-Click-Adventure als Bewerbung. Das Tagebuch von damals ist nicht mehr online; was bleibt, ist die Idee dahinter. Und die ist heute aktueller denn je: Wer ein Praktikum öffentlich dokumentiert, macht aus zwei Monaten Erfahrung ein dauerhaftes Stück Portfolio.
Denn ein Praktikum hinterlässt normalerweise erstaunlich wenig Spuren. Ein Zeugnis, eine Zeile im Lebenslauf — das war es. Was du tatsächlich gelernt, gebaut und verstanden hast, verschwindet in der Erinnerung. Ein Tagebuch hält genau das fest, solange es frisch ist — und macht es für alle sichtbar, die später wissen wollen, wie du arbeitest. Diese Anlage erklärt, warum sich das lohnt, was hineingehört und wie du es praktisch anstellst.
Vier Gründe sprechen dafür, ein Praktikum öffentlich zu begleiten. Erstens Sichtbarkeit: Du existierst in der Branche, bevor du dich das nächste Mal bewirbst. Wer regelmäßig nachvollziehbar über seine Arbeit schreibt, wird gefunden — von künftigen Kolleginnen, von Studios, manchmal von Menschen, die Jahre später eine Stelle zu besetzen haben. Zweitens Reflexion: Schreiben zwingt zum Sortieren. Wer jede Woche festhält, was er gelernt hat, lernt messbar bewusster — und kann im nächsten Vorstellungsgespräch präzise über die eigene Entwicklung sprechen statt in Allgemeinplätzen. Drittens Kontakte: Ein öffentliches Tagebuch ist ein natürlicher Gesprächsanlass, im Studio wie draußen. Und viertens Belegbarkeit: „Ich habe bei einem Studio gelernt" ist eine Behauptung. Zwanzig dokumentierte Wochen sind ein Beweis — ganz im Sinne des Prinzips, das diese ganze Akte durchzieht.
Dazu kommt ein Nebeneffekt, der sich erst später zeigt: Du baust ein Archiv deiner eigenen Anfänge auf. Was dir im Praktikum schwerfiel, ist in zwei Jahren selbstverständlich — und genau dann ist das Tagebuch Gold wert, wenn du selbst einmal Einsteigerinnen und Einsteiger anleitest oder deinen eigenen Weg erklären willst.
Aktenvermerk: Ein Praktikum dauert zwei Monate. Ein gut geführtes Praktikumstagebuch arbeitet jahrelang für dich weiter.
Die wichtigste Regel zuerst: Dokumentiere deinen Prozess, nicht die Geheimnisse des Studios. Interna, unangekündigte Projekte und alles, was unter eine Verschwiegenheitsvereinbarung fällt, bleiben draußen — im Zweifel fragst du vorher nach, was öffentlich werden darf. Das klingt nach Einschränkung, ist aber keine: Das Interessante an einem Praktikumstagebuch bist ohnehin du. Wie sich die erste Woche anfühlt. Welches Problem dich drei Tage beschäftigt hat und wie du es gelöst hast. Was du über Werkzeuge, Abläufe und Zusammenarbeit gelernt hast. Welcher Ratschlag hängen geblieben ist.
Beim Format hast du freie Wahl: ein eigener Blog, ein Devlog auf einer Community-Plattform, ein fortlaufender Thread im sozialen Netzwerk deiner Wahl. Entscheidend ist nicht der Kanal, sondern der Rhythmus — ein fester Wochentag, ein Eintrag, durchgehalten bis zum Ende. Kurze Einträge mit einem konkreten Lernmoment schlagen lange Berichte, die nach der dritten Woche versanden. Eine bewährte Struktur für jeden Eintrag: Woran habe ich diese Woche gearbeitet? Was war schwieriger als gedacht? Was nehme ich mit? Drei Fragen, drei Absätze — mehr braucht es nicht, und die Hürde bleibt klein genug, um auch in vollen Wochen zu schreiben.
Beim Ton gilt: ehrlich, aber fair. Ein Tagebuch, das nur Begeisterung sendet, liest sich wie Werbung; eines, das öffentlich über Kolleginnen und Kollegen urteilt, fällt auf dich zurück. Die glaubwürdigsten Einträge beschreiben echte Schwierigkeiten — und wie du damit umgegangen bist. Genau diese Mischung aus Offenheit und Professionalität ist es, die spätere Leserinnen und Leser beeindruckt.
Langfristig zahlt sich das doppelt aus. Aus dem Tagebuch wird ein verlinkbares Portfolio-Stück für jede künftige Bewerbung, und aus der Gewohnheit wird eine Fähigkeit, die in der Branche dauerhaft gefragt ist: über die eigene Arbeit klar zu schreiben. Wie du überhaupt an ein Praktikum im Studio kommst, liest du unter Praktikum in der Spieleentwicklung — und dass kontinuierliches Veröffentlichen auch jenseits von Tagebüchern Karrieren trägt, zeigt die Anlage zum Webcomic.
Frag im Zweifel immer zuerst nach — am besten gleich zu Beginn des Praktikums. Viele Studios haben klare Regeln, was öffentlich werden darf. Auf der sicheren Seite bist du, wenn du über deinen eigenen Lernprozess schreibst statt über Projektinhalte: was du gelernt hast, nicht woran das Team arbeitet.
Seltener und regelmäßig schlägt häufig und chaotisch. Ein Eintrag pro Woche ist ein realistischer Rhythmus, der sich neben der Arbeit durchhalten lässt und am Ende ein vollständiges Bild ergibt. Wichtiger als die Frequenz ist, dass du durchhältst — ein Tagebuch mit drei Einträgen wirkt schnell wie ein abgebrochenes Projekt.
Dann schreibst du ehrlich, aber professionell. Über konkrete Personen oder interne Konflikte öffentlich zu klagen, schadet in der Regel vor allem dir selbst. Was dagegen immer geht: beschreiben, was du aus schwierigen Situationen gelernt hast. Gerade solche Einträge zeigen Reflexionsfähigkeit — eine Eigenschaft, die Arbeitgeber sehr ernst nehmen.
Die, die du am ehesten durchhältst. Ein eigener Blog gibt dir volle Kontrolle und bleibt dauerhaft verlinkbar; ein Devlog auf einer Community-Plattform bringt eingebautes Publikum; ein Thread in sozialen Netzwerken senkt die Hürde pro Eintrag. Du kannst auch kombinieren: ausführlich im Blog, Kurzfassung im Netzwerk.
Anfangs vermutlich wenige — und das ist in Ordnung. Der wichtigste Leser kommt später: die Person, die deine nächste Bewerbung prüft und dort einen Link zu einem dokumentierten, reflektierten Arbeitsprozess findet. Genau dafür schreibst du. Wenn unterwegs noch andere mitlesen und Kontakte entstehen, ist das der Bonus.